Ansgar Hein zur Barrierefreiheit im Internet
Ansgar Hein, Geschäftsführer anatom5, Agentur für Barrierefreies Internet
Was bringt es einem Unternehmer, wenn seine Seiten barrierefrei gestaltet sind?
Ansgar Hein Um es kurz zu sagen: Nur Vorteile. Vor allem E-Commerce-Websites profitieren von guter Zugänglichkeit. Ganz platt gesagt: Google und andere Suchmaschinen sind “blind”. Sie interessieren sich nicht für das Design einer Seite, sondern für die darin enthaltenen Informationen. Semantische Informationen, wie Überschriften-Hierarchien, Alternativ-Texte für Bilder und dergleichen mehr helfen nicht nur Menschen mit Behinderung. Sie dienen auch dazu, Suchmaschinen zu besseren Ergebnissen zu verhelfen. Und wer besser gefunden wird hat mehr Besucher. Mehr Besucher führen – gepaart mit guter Benutzbarkeit und einfach zu bedienenden Funktionen – zu mehr Umsatz. Zudem erschließt man über Barrierefreiheit zusätzliche Zielgruppen: Senioren, Migranten, unerfahrene Nutzer und Surfer mit mobilen Endgeräten.
Worauf muss man beim Thema Web-Accessibility besonders achten?
Ansgar Hein Einer barrierefreien Website sollte man nicht ansehen, dass sie barrierefrei ist. Das ist Fluch und Segen gleichermaßen, da man ohne Detailkenntnisse nicht unbedingt sagen kann, ob die eigene Seite nun barrierefrei ist oder nicht. Wir geben daher seit zwei Jahren den “Einkaufsführer Barrierefreies Internet” über unser Online-Magazin Barrierekompass (www.barrierekompass.de) heraus. Darin sind die Top-Dienstleister der Branche aufgeführt, zumeist sind das BIENE-Gewinner oder Anbieter, deren Seiten besonders positiv im BIK-Test oder Barriere-Check abgeschnitten haben. Neben der Wahl der geeigneten Agentur spielt aber auch der Aufbau von eigenem Fachwissen im Bereich Barrierefreies Webdesign eine wichtige Rolle. Inzwischen gibt es zahlreiche gute Bücher, Internetseiten und Veranstaltungen, wie beispielsweise das Best of Accessibility Symposium oder Mehrwert für Alle.
Wo liegen die Schwierigkeiten bei der Umsetzung?
Ansgar Hein In den Köpfen der Verantwortlichen. Barrierefreiheit bedeutet nicht zwangsläufig, dass man auf Dinge verzichten muss. Es ist vielmehr ein anderer Blickwinkel auf Prozesse, Inhalte und den Weg zum Nutzer. Da muss man vieles in Frage stellen und ab und zu einen Kompromiss eingehen. Unsere Erfahrung zeigt: Herausragende barrierefreie Websites entstehen nur dann, wenn die Bereitschaft zum Umdenken vorhanden ist. Möglich ist fast alles.
Gibt es auch Dont´s – sprich scheinbare Verbesserungen zu Gunsten der Barrierefreiheit die sich negativ auswirken können?
Ansgar Hein Ich spreche dann immer gerne von “Too much accessibility”: Dann ist gut gemeint schnell auch mal das Gegenteil von gut. Das passiert unerfahrenen Accessibility-Novizen gerne mal, aber durch ausgiebiges Testen unter Realbedingungen oder sogar mit Menschen mit Behinderung kann man das prinzipiell umgehen. Ein häufig gemachter Fehler besteht darin, auf jedwedes multimediale Element zugunsten der Barrierefreiheit zu verzichten.
Was bedeutet Web-Accessibility für den eCommerce?
Ansgar Hein Ganz konkret: Mehr Umsatz. Bessere Auffindbarkeit in Suchmaschinen, Unterstützung mobiler Endgeräte, benutzerfreundliche Shopgestaltung und kurze Ladezeiten sind nachhaltige Erfolgsfaktoren für jeden Online-Shop. Denn nicht nur Menschen mit Behinderung profitieren von barrierefreien Seiten, sondern auch Senioren, für die Barrierefreiheit mit Komfort gleichzusetzen ist. Und dort, wo man sich wohlfühlt, gibt man gerne mehr aus bzw. kommt wieder, was letztlich höheren Umsätzen zuträglich ist.
Lässt sich Web-Accessibility auch in Zahlen ausdrücken. Macht sie sich beispielsweise bei einem Shop beim Umsatz bemerkbar?
Ansgar Hein In absoluten Zahlen lassen sich die Vorteile der Barrierefreiheit nicht ausdrücken, das wäre auch unseriös, so etwas zu behaupten. Es gibt eine lesenswerte Studie von Valeska Heerdt und Christine Strauss der Universität Wien aus dem Jahr 2004 unter dem Titel “A Cost-Benefit-Approach for Accessible Web Presence”. Daraus geht hervor, dass barrierefreie Websites nur marginal mehr Kosten im Verhältnis zum Umsatz erzeugen. Interessant aus unserer praktischen Erfahrung ist in diesem Kontext, dass sich der Umsatz tatsächlich steigern lässt, aus den genannten Gründen. Aber auch der Vortrag von Martin Speis beim Best of Accessibility Symposium 2008 zeigt am Beispiel Düsselenergie deutlich, wie positiv sich ein barrierefreies Gesamtkonzept auf die Umsatzzahlen auswirkt: Über 700% Umsatzsteigerung zur “herkömmlichen” Website sprechen für sich.
Welche Tipps möchten Sie unseren Lesern beim Thema Web-Accessibility mit auf den Weg geben?
Ansgar Hein Bereiten Sie sich sorgfältig vor: Lesen Sie Bücher, besuchen Sie Veranstaltungen, tauschen Sie sich mit anderen Nutzern / Entwicklern in Mailinglisten aus oder buchen Sie einen Workshop. Wenn Sie mit einem Dienstleister zusammenarbeiten, suchen Sie sich kompetente Unterstützung – zum Beispiel aus dem “Einkaufsführer Barrierefreies Internet”. Seien Sie sich bewusst, dass Barrierefreiheit ein Prozess ist, der jetzt beginnt und nicht mehr aufhört: Man könnte es auch Qualitätsmanagement nennen. Schauen Sie sich gute barrierefreie Internetangebote an, wie beispielsweise die BIENE-Gewinner, und lernen Sie aus dem, was Sie dort sehen. Aber Vorsicht vor “Too much accessibility”. Daher der beste Tipp zum Schluss: Testen Sie selbst und finden Sie Menschen mit Behinderung, die für Sie testen. Aber bleiben Sie immer auch kritisch gegenüber allen Testergebnissen.
Fallen Ihnen Positiv-/Negativ- Beispiele für gute Seiten ein?
Ansgar Hein Negativ ist uns heute erst eine Seite beim Barriere-Check aufgefallen:
www.rangauklinik.de – auf den ersten Blick durchaus nett anzusehen, aber wer die Seite mit abgeschaltetem JavaScript aufruft oder eine Farbfehlsichtigkeit aufweist, bekommt schon Probleme. Zudem nutzt die Seite keinerlei Überschriften-Hierarchien und offeriert auch sonst zahlreiche Barrieren, die man nur mit geschultem Blick entdeckt.
Positive Beispiele aus unserer eigenen Feder sind beispielsweise www.duesselenergie.de oder www.kranenburg.de, die beide beim letzten BIENE-Wettbewerb ausgezeichnet wurden. Düsselenergie der Stadtwerke ist ein Musterbeispiel für die Kombination von Barrierefreiheit & E-Commerce: Hier wurde Barrierefreiheit von der ersten Sekunde der Konzeption mit eingeplant und der gesamte Prozess entsprechend aufgebaut. Und auch die Internetpräsenz der Gemeinde Kranenburg folgt diesem Schema und zeigt, dass mutiges und innovatives Design hervorragend mit Barrierefreiheit kombinierbar ist.
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