Dr. Harald Weber zur Barrierefreiheit im Internet

harald-weber Dr. Harald Weber, Stellv. Institutsleiter und Barrierefreiheit-Experte, Institut für Technologie und Arbeit (ITA) Kaiserslautern

Was bringt es einem Unternehmer, wenn seine Seiten barrierefrei gestaltet sind?

Dr. Harald Weber Die Argumente pro barrierefreie Webseiten aus Sicht von Unternehmen lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • schnellere Ladezeiten für Jedermann
  • Höheres Google-Ranking
  • Weniger Serverlast
  • Nutzbarkeit auch von Mobilgeräten
  • Durch Standardkonformität auch Zukunftssicherheit
  • Steigerung der Glaubwürdigkeit (z.B. im Kontext von CSR-Aktivitäten)

Worauf muss man beim Thema Web-Accessibility besonders achten?

Dr. Harald Weber Barrierefreiheit ist mehr als Zugänglichkeit für blinde oder sehbehinderte Menschen. So wie das Symbol eines Rollstuhlfahrers ein Synonym für behinderte Menschen geworden ist und dabei die Vielfalt der individuellen Bedarfe eher verschleiert, so haben sich auch die Diskussionen zum Thema Barriefreiheit in den letzten Jahre zu oft alleine um das Thema von „alt-Tags“, also der Zurverfügungstellung textueller Alternativen zu allen auf Webseiten enthaltenen Grafikelementen, gedreht. Auch Menschen mit motorischen Einschränkungen, mit Hörbeeinträchtigungen oder Lernschwierigkeiten können Webseiten nutzen, wenn diese barrierefrei gestaltet sind.

Wo liegen die Schwierigkeiten bei der Umsetzung?

Dr. Harald Weber Eine Schwierigkeit liegt darin, dass man keine dynamische, bspw. mit täglich wechselnden Inhalten bestückte Web-Plattform heutzutage in einem vertretbaren Aufwand vollständig barrierefrei gestalten kann. Jede nicht-statische Seite, auch die Bestprämiertesten bei den verschiedenen Wettbewerben, ziehen eine Linie zwischen denen, die Zugang haben zur entsprechenden Webseite und denen, die dies nicht haben. Welche Webseite schafft es schon, alle Inhalte auch synchron und konsistent in leichter Sprache und Gebärdensprache zur Verfügung zu stellen? Der „vertretbare Aufwand“ ist hier das determinierende Element: „Wie viel ist mir Barrierefreiheit wert?“, und welchen Nutzen erwarte ich mir davon. Diese individuelle Kosten-Nutzen-Abwägung, zu der uns leider viele Fakten noch fehlen, sorgt dafür, dass diese Linie jeweils an einer anderen Stelle liegt, es keinen Konsens gibt, „wo“ diese Linie akzeptabel wäre. Ein Design-for-all ist derzeit eine Vision, in deren Richtung man sich zwar voran bewegt, die aber dennoch in weiter Ferne ist.

Gibt es auch Dont´s – sprich scheinbare Verbesserungen zu Gunsten der Barrierefreiheit die sich negativ auswirken können?

Dr. Harald Weber Problematisch können Bemühungen von Anbietern sein, Inhalte in „Nur-Text“-Versionen zur Verfügung zu stellen. Werden diese Versionen nicht direkt aus dem Content-Management-System auf Grundlage der visuell gestalteten Informationen generiert, sondern einzeln editiert und getrennt von den Hauptseiten gespeichert, besteht die Gefahr von inkonsistenten Informationsständen. Auch der Zugang für Menschen mit Behinderungen zu weniger Seiten (bspw. „barrierefreie Angebote“) einer Webpräsenz als für den nicht-behinderten Nutzer führt zu einer unnötigen Einschränkung der Wahl- und Informationsmöglichkeiten.

Was bedeutet Web-Accessibility für den eCommerce?

Dr. Harald Weber Hier lassen sich alle unter der ersten Frage gelisteten Punkte aufführen. Barrierefreiheit heißt eben nicht Zugang für Menschen mit Behinderungen, sondern einfachere, schnellere und fehlerfreiere Nutzung durch alle, inklusive Nutzer/innen mit Behinderungen.

Lässt sich Web-Accessibility auch in Zahlen ausdrücken. Macht sie sich beispielsweise bei einem Shop beim Umsatz bemerkbar?

Dr. Harald Weber Ähnlich wie bei der Thematik „Usability / Gebrauchstauglichkeit“ gibt es fast keine sauber quantifizierbaren Effekte, die sich eindeutig auf den Aspekt der Barrierefreiheit zurück führen ließen. Unternehmen, die auf barrierefreie Webseiten umstellen, können jedoch aus verschiedenen Quellen Indizien zusammen führen, welchen Effekt die Umstellung gebracht hat:

  • Serverauslastung nach der Umstellung (d.h. ggf. verzögerter Bedarf für eine technische Aufrüstung)
  • Zugang zu den Webinhalten über Browser auf mobilen Geräten
  • Rückmeldungen aus der Hotline bzw. dem Kontaktformular (können auch aktiv erfragt werden, bspw. über barrierefreie (!) Kundenumfragen)
  • Messung der Ladezeiten vor und nach der Umstellung auf verschiedenen Plattformen und von verschiedenen Kundenstandorten
  • Messung des Google-Rankings (barrierefreie Seiten werden grundsätzlich höher gerankt, d.h. sie tauchen mit größerer Wahrscheinlichkeit auf der ersten Seite auf)

Jeden dieser Aspekte kann man aus der jeweiligen Unternehmenssicht gewichten, um die zuvor genannten Kosten-Nutzen-Abwägungen durchführen zu können.

Welche Tipps möchten Sie unseren Lesern beim Thema Web-Accessibility mit auf den Weg geben?

Dr. Harald Weber Grundsätzlich bedeutet Barrierefreiheit zu aller erst die Gewährleistung von Standardkonformität. Auf die einzelnen Punkte, die das W3C ausgiebig beschreibt, um Webseiten barrierefrei umzusetzen, möchte ich hier nicht eingehen, denn dort (w3c.org/wai) ist dies bereits optimal geschehen. Wichtig wäre mir noch zu ergänzen, dass man stets Menschen mit Behinderungen auch in den Entwicklungs- und Umsetzungsprozess mit einbeziehen sollte. Gute Barrierefreiheit ist nämlich nicht auf den ersten Blick sichtbar, für die betroffenen Zielgruppen aber durchaus abprüfbar. Anbieter von Webseiten sollten sich vor Rückmeldungen echter Nutzer nicht scheuen und diese Feedbackschleife aktiv in den Entwicklungsprozess der Webpräsenz mit einplanen, dann wird das Endergebnis sicherlich von einer besseren Qualität sein.

Fallen Ihnen Positiv-/Negativ- Beispiele für gute Seiten ein?

Dr. Harald Weber Schlechte Seiten möchte ich hier nicht aufführen. Davon gibt es zu viele, und man findet sie leicht. Gute Beispiele werden regelmäßig u.a. durch den BIENE-Award prämiert, aber auch alle Betreiber von Web-Seiten, die sich ernsthaft um eine verbesserte Barrierefreiheit bemühen (selbst wenn das Ergebnis derzeit noch nicht „perfekt“ ist), sollten positiv hervorgehoben werden. Hier können Verbände behinderter Nutzerinnen und Nutzer eine konstruktive, mitgestaltende Rolle wahrnehmen und solche Unternehmen / Anbieter in deren Bemühungen unterstützen, um zu guten Ergebnissen zu gelangen.

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