Peter Rozek zur Barrierefreiheit im Internet

peter-rozek“Kleider machen Leute – dieser Satz gilt auch für Ihren Internetauftritt und Ihre Corporate Identity”, sagt  Peter Rozek, Barrierefreiheit-Experte und Geschäftsführer von Webdesignbüro think green – neue Medien.

Worauf muss man beim Thema Web-Accessibility besonders achten?

Peter Rozek

  • Projektplanung und Konzeption: Web-Accessibility muss bereits in der Konzeptionsphase mitgedacht und integriert werden, es ist kein ausschließliches HTML-Features was man einfach hinzukaufen kann und dann wird die Seite accessible. Web-Accessibility sollte als ein systematischer Prozess verstanden werden, dies schafft zum einem Planungssicherheit und sorgt letztlich für einen erfolgreichen Projektabschluss. Dabei ist das gesamte Team in die Entwicklung mit einzubeziehen. Projektleitung, Konzeptioner, Grafik und Frontent-Entwickler sind zusammen gefordert. Die Fokussierung auf den Nutzer und ein benutzerorientierter Entwicklungsprozess sind unbedingt zu beachten, die Richtlinien der WCAG 2.0 oder der BITV geben das Ziel vor und werden bei der Umsetzung als flankierendes Instrumentarium für die Qualitätssicherung eingesetzt. Leider wird der Aspekt einer systematischen Zielgruppen Analyse, Konzeption und Testphase bei vielen barrierefreien Projekten, nach wie vor zu sehr vernachlässigt. Bei der Umsetzung einer barrierefreien Website wird nicht zu selten, nur der Frontend-Entwickler adressiert. Informationsarchitektur, Sitemap und Layouts sind fertig und vom Kunden abgenommen, nun soll der Frontend-Entwickler das ganz barrierefrei machen. Das wird in 90% aller Fälle nicht funktionieren, wenn Barrierefreiheit von den Projektverantwortlichen ausschließlich als ein nachgelagerter technischer Teilaspekt betrachtet wird. Bei der letztendlichen Realisierung in HTML, CSS und JavaScript ist ganz klar der Frontent-Entwickler gefordert, Analyse, Definition und Entwurf müssen aber auf der Grundlage einer barrierefreien Zielführung aufsetzen.
  • Ausschreibung: Bereits in der Ausschreibung ist darauf zu achten, dass die Anforderungen und Ziele genau definiert sind und nicht einfach nur Pauschal genannt werden. Unzureichend ist, wenn im Pflichtenheft oder in der Projektdefinition nur der Satz steht: „Die Website soll barrierefrei werden oder es soll die BITV umgesetzt werden.“ Die technischen Anforderungen, rechtlichen Rahmenbedingungen, Ziele und Zielgruppen sind zu definieren, damit das Ergebnis messbar, prüfbar und vergleichbar bleibt.
  • Anforderungen: Barrierefreie Websites müssen nicht nur accessible sondern auch usable sein. Accessibility ist ohne Usability und umgekehrt nur schwer vorstellbar, wenn es darum geht nutzerfreundliche und nachhaltige Webangebote bereit zu stellen. Bei der Umsetzung sind im wesentlichen vier Grundprinzipien der WCAG 2.0 einzuhalten, die Website muss wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust in der Technik sein. Die konkrete Umsetzbarkeit wird über die einzelnen Richtlinien geregelt und über die Zusatzdokumente erklärt. Innerhalb des Projektteams sollten sich daher alle mit den Anforderungen vertraut sein. Web-Accessibility ist allerdings keine Geheimlehre, sondern ein professioneller Umgang mit der Thematik, das Wissen um die gestalterischen und technischen Möglichkeiten und der Wille sich mit den belangen der Zielgruppe auseinandersetzen zu wollen – und von ihnen zu lernen. Testen, testen, testen ist ein wichtiger Grundsatz bei der Entwicklung barrierefreier Websites, wichtiger als Selbsttests sind „echte“ Nutzertests mit Menschen mit Behinderungen.
  • Projektübergabe: Barrierefreiheit ist nicht statisch, sondern unterliegt der Erosion, d.h. wenn eine Website an den Kunden übergeben wurde muss eine kontinuierliche Begleitung und Unterstützung vorhanden sein, damit die Qualität erhalten bleibt. Schulungen der Redakteure und regelmäßige Qualitätskontrollen sind ins Auge zu fassen.
  • Fachwissen: Grundvoraussetzung ist, dass man sich als Dienstleister eingehend und intensiv mit Web-Accessibility und der Zielgruppe Menschen mit Behinderungen auseinandergesetzt hat. Wenn eine Agentur nicht die notwendige Kompetenz hat, eine barrierefreie Website zu erstellen, sollte ein Experte hinzugezogen werden, ähnliches gilt für den Auftraggeber. Viele Auftraggeber können mit der Thematik nur sehr bedingt konkrete Anforderungen verbinden. Daher kann ich jedem Auftraggeber nur dazu raten, bereits vor der Ausschreibung sich sorgfältig zu informieren oder einen Experten hinzuziehen.

Wo liegen die Schwierigkeiten bei der Umsetzung?

Peter Rozek Bei der Umsetzung gilt es verschiede Aspekte zu berücksichtigen die ineinander greifen. Schaut man sich barrierefreie Websites an, stellt man sehr schnell fest, dass allzu oft immer wieder die selben Fehler gemacht werden. Fehlentscheidungen und ungenaue Anforderungen wurden bereits bei der Ausschreibung des Projekts formuliert, die eine Erfüllung von technischen und rechtlichen Rahmenbedingungen nicht einfacher machen. Banal aber leider Realität: Mangelndes Fachwissen oder der Verzicht auf Nutzertests, erschweren die Umsetzung und führen in der Regel zu schlechter bis eingeschränkter Barrierefreiheit. Werden im Projektverlauf neu oder alternative Lösungen entwickelt, müssen sich diese an den Zielkriterien messen lassen. Die Integration von Elementen oder Features von Drittanbietern können sich als unerwartete Barrieren herausstellen. Die Fokussierung auf eine Zielgruppe kann zu Schwierigkeiten führen. Web-Accessibility wird in der Regel mit blinden Menschen in Verbindung gebracht. Von einer barrierefreien Umsetzung profitieren aber ebenso Menschen mit einer Sehschwäche. Menschen die temporär durch einen Sportunfall keine Maus bedienen können, sind auf die Navigierbarkeit einer Website über die Tastatur angewiesen. Damit eine Website auch über die Tastatur wahrnehmbar und bedienbar wird, muss der Nutzer anhand eines deutlichen Linkfokus wissen, wo er sich im Webauftritt befindet. Einfach gesagt Web-Accessibility bringt für alle Nutzer vorteile und ist nicht nur zusätzliches Feature oder auf eine Zielgruppe beschränkt.

Beispiel Tests: Accessibility Tests und die Optimierung für Screenreadernutzer sind wesentliche Stationen in der Entwicklung und nicht zuletzt eines der vielleicht schwierigsten Herausforderungen. Entwickler können mittlerweile auf eine große Anzahl an sehr guten Testwerkzeugen zurückgreifen, allerdings ersetzten Selbsttests keine realen Nutzertests. Menschen mit Behinderungen haben unterschiedliche Erfahrungen, Strategien und daher auch eine sehr unterschiedliche Bedienungskompetenz, die sie bei der täglichen Nutzung des Internets anwenden. Unter realen Testbedingungen zeigt sich sehr schnell, wie einmal gefasste Vorstellungen schnell über den Haufen geworfen werden können. Web-Accessibility die den Nutzer im Fokus hat, wird ohne „echte“ Nutzertests nicht auskommen. Hat man die Notwendigkeit von realen Testbedingungen verstanden, führt dies zu positiven Synergie-Effekten. Das eigene Fachwissen wird durch Praxisnähe ergänzt und gefördert, und wir bekommen ein besseres Verständnis was Web-Accessibility eigentlich bedeutet. Das es nämlich um die Nutzer geht und das diese in den Mittelpunkt gestellt werden müssen.

Gibt es auch Dont´s – sprich scheinbare Verbesserungen zu Gunsten der Barrierefreiheit die sich negativ auswirken können?

Peter Rozek Ein schönes und praxisnahe Beispiel sind sogenannte verstecke Sprungmarken (engl. Skiplinks) die es Nutzer von Screenreadern ermöglicht, bestimmte Bereiche einer Website direkt anzusteuern. Zu viele Sprungmarken oder eine ungenaue Benennung verwirren den Nutzer mehr als sie eigentlich helfen sollen. In der Regel reicht es, wenn am Dokumentenanfang die Sprungmarken „zum Inhalt“ und „zur Navigation“ vorhanden sind. Sprungmarken wie „Navigation überspringen“ haben für den Screenreadernutzer nur einen geringen bis gar keinen Wert. Für den Nutzer stellt sich zwangsläufig die Frage: „Wo führt mich der Link hin?“ Linkziele sollen daher klar, eindeutig und verständlich sein. Allgemein ist zu sagen, dass scheinbare Verbesserungen oder auch überoptimierungen sich negativ auf die Barrierefreiheit auswirkt. Überoptimierung findet dann statt, wenn bei der Entwicklung wenig Fachwissen vorhanden ist und die notwendige Erfahrung fehlt wie Websites von Menschen mit Behinderungen genutzt werden. Ebenfalls ist anzunehmen das keine Nutzertests gemacht worden sind.

Was bedeutet Web-Accessibility für den eCommerce?

Peter Rozek Accessibility und Usability führen nachweisbar zu einem höheren Return on Investment. Die Kundenzufriedenheit steigt und mittel- bis langfristig führt dies zu einer stärkeren Kundenbindung. Leider vernachlässigen viele Shopbetreiber Accessibility und Usability Aspekte und wundern sich über mangelnde Umsätze beim Onlinekauf. Design-, Accessibility- und Usability-Grundlagen unterstützen den Nutzer bei der Produktsuche und –Auswahl, zudem schaffen sie vertrauen und sind daher wichtige Bestandteile bei der Konzeption eines Web-Shops. Die Reduzierung der Informationen auf wichtige Produktaussagen, eine übersichtliche Darstellung, eine einfache und leicht verständliche Sprache, wahrnehmbare Hilfe und verstehbare Fehlermeldungen beim Bestellprozess oder der Anmeldung erhöhen die Zugänglichkeit und Gebrauchstauglichkeit. Viele Web-Shops scheitern hier allerdings, nicht zu selten sind die Informationen zum Produkt unübersichtlich und unstrukturiert dargestellt. Der Bestellvorgang kompliziert und umständlich formuliert. Der Nutzer fühlt sich verunsichert und der Shop-Betreiber verliert einen Kunden.

Lässt sich Web-Accessibility auch in Zahlen ausdrücken. Macht sie sich beispielsweise bei einem Shop beim Umsatz bemerkbar?

Peter Rozek Wird ein Shop accessible und usable gestaltet wirkt sich das gerade im eCommerce positiv und messbar auf den Umsatz aus. Eine vereinfachte und effiziente Produktsuche, ein optimierter Bestellablauf kann den monatlichen Gesamtumsatz eines Web-Shops um rund 4% steigern. Die britische Supermarktkette Tesco und der Versicherungsdienstleister Legal & General haben bewiesen, das die Investition in Accessibility mehr Umsatz generiert. Der Traffic über Suchmaschinen konnte um 30% gesteigert werden, die Ladezeiten wurden um 75% reduziert und 200.000 Pfund wurden bei den laufenden Betriebskosten eingespart. Mehr Anfragen und ein deutlich gesteigerter Umsatz sprechen eine deutliche Sprache.

Welche Tipps möchten Sie unseren Lesern beim Thema Web-Accessibility mit auf den Weg geben?

Peter Rozek

Tipps für Auftraggeber:

  1. Formulieren Sie die Ausschreibung präzise und legen sie ein messbares Ziel fest, z. B. welches Level (A, AA oder AAA) erreicht werden soll.
  2. Bestehen Sie darauf das die Zielvorgaben durch entsprechende Tests schriftlich dokumentiert sind.
  3. Lassen Sie eventuell unabhängige Nutzertests durchführen, damit sie ein zweites Gutachten haben. Werden hierbei gravierende Mängel in der Umsetzung festgestellt, sind diese vom Auftragnehmer zu beheben.
  4. Vereinbaren Sie mit ihrem Dienstleister eine Schulung am Content Management System. Die beste barrierefreie Website verliert rapide an Qualität wenn die Redakteure nicht Wissen, wie Inhalte barrierefrei gestaltet und formuliert sein müssen.
  5. Besuchen Sie Workshops oder Konferenzen wo Sie direkt mit Experten in Gespräch kommen können.

Tipps für Auftragnehmer:

  1. Prüfen Sie kritisch Ihr Know-how im Bereich Web-Accessibility.
  2. Wenn das Thema Barrierefreiheit nicht zu Ihren Kernkompetenzen zählt, ziehen Sie einen externen Berater hinzu.
  3. Begreifen und nutzen Sie Web-Accessibility als einen systematischer Prozess.
  4. Führen Sie Schulungen am CMS durch und geben Sie Ihren Kunden sogenannte Styleguides mit, in denen die wichtigsten Essentials für eine barrierefreie Wartbarkeit formuliert sind.
  5. Unterschätzen Sie nicht das Potenzial von „echten“ Nutzertests, Sie gewinnen an Erfahrung und bekommen ein besseres Verständnis für das Thema Web-Accessibility.
  6. Informieren sie sich aktuelle zu dem Thema und erweitern sie Ihr Wissen konsequent.
  7. Besuchen Sie Workshops oder Konferenzen wo Sie direkt mit Experten in Gespräch kommen können.

Wie findet man einen Experten? Mittlerweile wird das Thema Barrierefreiheit oder Accessibility von vielen Dienstleistern angeboten. Für die meisten Auftraggeber ist eine objektive Prüfung der angebotenen Qualität nur schwer möglich. Wer Sachkundige Hilfe und Unterstützung sucht wird z. B. beim ABI-Projekt (Liste der Unterstützer) im Einkaufsführer Barrierefreies Internet, oder bei der BIK-Online, der 95plus Liste kompetente und geprüfte Dienstleister finden.

Fallen Ihnen Positiv-/Negativ- Beispiele für gute Seiten ein?

Peter Rozek Barrierefreiheit oder Web-Accessibility hat immer noch den Ruf nicht Sexy zu sein und daher verzichte ich darauf die negativ Beispiele zu nennen, wobei mir eine ganz Menge einfallen würde. Viel wichtiger halte ich die Präsentation von positiven und schönen Beispielen. Man wird das Internet in Richtung mehr Barrierefreiheit verbessern wenn wir uns am „schönen und guten“ orientieren und das Meckern anderen überlassen. Zwei schöne Beispiele sind: www.hauptbahnhof-wien.at, www.stadthaushotel.com/start.php

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