Rainer Schlegel zur Barrierefreiheit im Internet

rainer-schlegel Rainer Schlegel, Experte für Barrierefreiheit und Inhaber der Webdesign-Agentur 52eins

Worauf muss man beim Thema Web-Accessibility besonders achten?

Rainer Schlegel Webdesign soll sich am Nutzer orientieren. Man muss also zunächst bestimmen, wen man mit dem Webauftritt erreichen will. Ist es die große Allgemeinheit oder ein kleiner, ausgewählter Personenkreis eventueller Spezialisten? Danach richtet sich der Aufwand, den man für die Barrierefreiheit treiben sollte. Natürlich gibt es hier auch allgemeine Richtlinien, die für jeden Auftritt gelten: zum Beispiel vergrößerbare Schriften, alternative Informationen für alles, was kein Text ist, eine nachvollziehbare und bedienbare Navigation. Am besten beschäftigt man sich mit den existierenden Empfehlungen des W3C (World Wide Web Consortium), die aktuell als WCAG 2.0 (Web Content Accessibility Guidelines) existieren. Derzeit wird hier auch an einer deutschen Übersetzung gearbeitet. In Deutschland findet man noch die für Bundeseinrichtungen gültige BITV (Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung), die in ihrer jetzigen Form leider der Entwicklung im Web hinterher hinkt. Wer sich mit den Grundlagen beschäftigen möchte, findet umfangreiche Informationen auf www.einfach-fuer-alle.de

Wo liegen die Schwierigkeiten bei der Umsetzung?

Rainer Schlegel Die heutigen Schwierigkeiten zeigen sich vor allem in der technischen Entwicklung des Webs. Der intensive Einsatz von Javascript und AJAX sowie Video- und Audiodateien errichtet für viele Nutzer unnötige Hürden, wenn die Umsetzung die Anforderungen barrierefreier Seiten nicht erfüllt. Die meisten Standard-Webauftritte lassen sich aber relativ problemlos barrierefrei umsetzen, wenn Auftraggeber und umsetzende Agentur gemeinsam daran arbeiten und dabei stets den zukünftigen Nutzer im Auge behalten.

Gibt es auch Dont´s – sprich scheinbare Verbesserungen zu Gunsten der Barrierefreiheit die sich negativ auswirken können?

Rainer Schlegel Natürlich kann man auch über’s Ziel hinausschießen, wenn man zum Beispiel in gutem Glauben zu viele Neben-Informationen anbietet. Angenommen ein Anbieter hat in seinem alten Webauftritt verlinkte Bilder. Die Bilder haben kein alt-Attribut, der Link selbst keine Textbeschreibung. Dann ist dieser Link beispielsweise für Screenreader-Benutzer wertlos, da das Ziel nicht über die Sprachausgabe benannt werden kann. Das Gegenteil wäre, dem Bild ein alt-Attribut zu verpassen, diesen Text (nach dem Motto: viel hilft viel) auch noch ins title-Attribut einzutragen und darüber hinaus auch dem Link einen title mit dem gleichen Text mitzugeben. Hier wäre “gut gemeint” das Gegenteil von “gut”.

Was bedeutet Web-Accessibility für den eCommerce?

Rainer Schlegel Ganz einfach – Besserer Zugang für alle bringt mehr Kunden.

Lässt sich Web-Accessibility auch in Zahlen ausdrücken. Macht sie sich beispielsweise bei einem Shop beim Umsatz bemerkbar?

Rainer Schlegel Nehmen wir als Beispiel Blinde. Sie sind überdurchschnittlich viel im Web unterwegs und können hier anonym in Ruhe recherchieren und einkaufen. Bekannt ist, dass allgemein viel zu viele Online-Käufe vorzeitig abgebrochen werden. Unabhängig von Behinderungen fällt es oft schon dem sehenden Durchschnittssurfer, der mit der Maus umgehen kann und Erfahrungen mit dem Internet hat, schwer, sich in vielen Shops zurechtzufinden oder einen Kauf ohne Irritationen zu tätigen. Orientiert man sich als Anbieter hier streng am Kunden und macht ihm das Einkaufen bequem, einfach und schnell abwickelbar, kann man dadurch den Umsatz erheblich steigern.

Welche Tipps möchten Sie unseren Lesern beim Thema Web-Accessibility mit auf den Weg geben?

Rainer Schlegel Prüfen Sie, ob Ihr Webauftritt Inhalt und Design trennt (durch sinnvollen Einsatz von HTML und CSS). Ist die Seite sinnvoll strukturiert? Ist die Navigation einleuchtend, leicht aufzufinden und wird sie durch den gesamten Auftritt konsistent durchgezogen? Sind Links als solche erkennbar und ist im Kontext das Linkziel klar? Kann man die Seite auch allein mit der Tastatur bedienen und sind die Schriften mit den Bordmitteln der Browser veränderbar? Und verpassen Sie allen sinntragenden Bildern ein alt-Attribut.

Fallen Ihnen Positiv-/Negativ- Beispiele für gute Seiten ein?

Rainer Schlegel Positive Beispiele finden Sie bei den BIENE-Gewinnern: www.biene-wettbewerb.de. Negativ-Beispiele braucht man nicht suchen, die gibt’s leider viel zu viel.

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