Thorsten Vespermann: Die Krise als Chance nutzen
Thorsten Vespermann, Director Corporate Communications, XING AG
Viele Analysten sehen für 2009 auch eine Krise in der Werbewirtschaft. Betrifft das auch alle Bereiche des Online-Marketings oder ist hier vielmehr die Krise als Chance zu begreifen?
Thorsten Vespermann Einer anhaltenden Finanzmarktkrise folgen zwangsläufig auch weitere Krisen in anderen Branchen. Die Medien und die Werbewirtschaft werden dies natürlich spüren. Laut aktueller Prognosen aus den USA werden Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehen zu den größten Verlierern zählen. Werbebudgets für das Internet dürften sich allerdings nicht dramatisch nach unten bewegen und könnten sogar im Krisenjahr 2009 steigen.
Was kann man als internetbasiertes Geschäft tun, um gut durch das Jahr zu kommen? Welche Lösungen sehen Sie?
Thorsten Vespermann Das Internet wird weiter die Art umwälzen, wie wir leben und arbeiten und deshalb werden gute neue Geschäftsmodelle immer auch eine Chance haben, sich zu etablieren. Bei einer anhaltenden wirtschaftlichen Krise müssen aber viele noch nicht etablierte Start-Ups sehr darauf achten, dass sie nicht in einen Finanzierungsengpass geraten. Venture Capital gibt es wie im Jahr 2001 nur, wenn es auch ein Szenario für ein „Exit“ gibt, also eine Möglichkeit zum Verkauf oder zum Börsengang. Bei anhaltender Finanzmarktkrise wird es jetzt für viele Start-ups keine Anschlussfinanzierung geben. So ist man darauf angewiesen, ein Geschäftsmodell zu finden, das schnell profitabel wird. In Silicon Valley gibt es bereits einige Firmen die untergegangen sind und dies droht jetzt auch in Deutschland zu passieren.
Gerade in Krisen kommt es darauf an, möglichst zu 100prozent performanceorientiert zu denken und zu handeln. Performance basierte Angebote werden sich noch schneller durchsetzen. Wer nicht genau messen und belegen kann, wann er von wem wie genutzt wird, verliert. Denn die anhaltende Finanzmarktkrise dürfte sicher auch Auswirkung auf die Mediabudgets haben. Vor dem Hintergrund einer sich anbahnenden Rezession werden Werbekunden ihre Budgets noch gebündelter dort einsetzen, wo sie ihre Zielgruppen tatsächlich auch erreichen.
XING profitiert übrigens sogar von der Krise. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist man auf gute Kontakte angewiesen, die einem weiterhelfen. Entsprechend verzeichnen wir erfreulich große Zuwachszahlen und eine hohe Mitgliederaktivität. Wer zu den Gewinnern zählen will, braucht ein gewachsenes Kontaktnetzwerk und das bietet XING. Persönliche Kontakte öffnen viele Türen für beruflichen Erfolg. Dies gilt für die Entwicklung zusätzlicher Vertriebswege ebenso wie für die Anbahnung neuer Geschäftspartnerschaften und vor allem auch für die eigene Karriereplanung bei anstehenden Jobwechseln. Wer hier nicht online auf sich aufmerksam macht, verliert den Anschluss und wird in Zukunft nicht mehr wahrgenommen.
Eine Krise bietet immer auch die Chance für Änderungen. Wo glauben Sie, dass in der Internet-Wirtschaft Neues entstehen wird?
Thorsten Vespermann Alle möglichen Desktop-Applikationen werden immer mehr „ins Netz gehen“. Ich finde es auch sehr spannend, dass man spezielle Dienstleistungen und Architekturen im Internet mieten kann, beispielsweise Rechenpower oder Storage. Das ganze Thema Cloud-Computing. Es wird sicher eben auch viele Start-ups geben, die sogar von den wirtschaftlich unsichereren Zeiten profitieren, weil deren Geschäftsmodelle auch in Krisenezeiten funktionieren.
Eine Indianerweisheit lautet: „Wenn du entdeckst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab!“ Gilt das auch für Geschäfte im Web?
Thorsten Vespermann Ja – und je eher man dies erkennt, desto besser kann man eine Bauchlandung vermeiden.
Haben Sie in Ihrer persönlichen Laufbahn eine ähnliche gravierende Krise erlebt?
Thorsten Vespermann Wir erleben jetzt wahrscheinlich die größte Wirtschaftskrise unseres Lebens. Krisen bedeuten aber wie schon anfangs erwähnt nicht nur Risiken, sondern auch Chancen auf Veränderungen und daraus ergeben sich immer auch viele neue Möglichkeiten. XING wurde beispielsweise im Jahr 2003 gegründet, zu einer Zeit als nach dem Platzen der New Economy-Blase eigentlich niemand mehr an den Erfolg von Internet-Geschäftsmodellen glaubte. Zur Idee inspiriert wurde unser Gründer Lars Hinrichs von einem Buch – Malcolm Gladwells „The tipping point- wie kleine Dinge Großes bewirken können“. Der Wunsch, die Kontakte seiner Bekannten und Freunde sichtbar zu machen und sie geschäftlich voneinander profitieren zu lassen, brachte ihn schließlich zur Gründung von XING. Die Community bestand zu Anfang aus 472 Freunden, Bekannten und Geschäftspartnern – heute, fünf Jahre später, zählt XING über 6,5 Millionen Mitglieder weltweit und ist europäischer Marktführer im Bereich Business-Networking im Internet.
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